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Aufräumen #05

Okay, Bullshit.

Nachdem ich ein paar Leute entblößt habe, mache ich das jetzt auch mal mit mir selbst. Es kann sich wohl jeder denken, dass ich nicht das zuckersüßeste Leben führe – ich meine wer, der einigermaßen bei Verstand ist, würde schon so einen Blog führen?
Verkorkst ist mein zweiter Vorname und es gibt bestimmt einige Vorteile, die es bringt mit so gut wie allem mal schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Aber dann gibt es so Dinge, wegen denen man einfach nicht normal mit sich selbst geschweige denn mit anderen Menschen zusammen leben kann.

Wegen denen man das absolut normalste Verhalten anderer als anstößig oder unsensibel empfindet und deshalb am liebsten mit überhaupt niemandem mehr reden möchte.

Essen.

Ich schreibe darüber im Zuge von „Aufräumen“, da ich im letzten Jahr erst festgestellt habe, dass ich ein Problem habe. Und das werde ich jetzt im Moment auch weiß Gott nicht lösen können, also erwartet hierbei keinen „Abschluss“. Ein Teil von mir will es auch gar nicht lösen, denn es fühlt sich nur wie ein Problem an, weil ich mit anderen anecke und wiedereinmal nicht so leben kann, wie ich will.

Ich schreibe darüber, weil ich mal all die Sachen rauslassen muss, in denen ich einfach eine andere Wahrnehmung habe. Ich weiß natürlich theoretisch, dass ihr nicht falsch liegt. Aber ich pack’s manchmal einfach nicht.

Allein dadurch, dass ich das Wort da oben geschrieben hab, hab ich jetzt schon wieder eine Blockade. Aber ich schreibe trotzdem weiter, ihr werdet mit der Zeit schon verstehen.

Seit ich denken kann, stecke ich am Tisch mit meinen Eltern regelmäßig in der folgenden Situation. „Iss doch, Kind.“
Ich kann nicht essen. Ich brauche manchmal eine dreiviertel Stunde um ein Croissant zu essen. Und wenn ich mich unterhalte, vergesse ich es manchmal komplett.
„Willst Du nicht noch was?“ „Warum nicht?“

Mich greift das an. Es stört die Familiensituation. Mich greift es an, wenn jemand vor mir fertig ist. Man braucht überhaupt nichts sagen, ich habe einfach das Gefühl, mir würde reingedrückt werden, wie langsam ich esse. Ich esse sehr langsam und ich esse fast immer weniger als alle anderen, es macht mich zu einem Außenseiter.
Und manchmal kann ich nicht anders, als mich abzugrenzen. Ich sehe es nicht nur als absolut unnormal an, wie viel manche Leute in sich rein schlingen, es widert mich manchmal sogar an. Und, wenn ich dann auch noch komisch beäugt werde oder irgendwelche Kommentare abbekomme, denke ich mir oft, nur weil ich nicht so fresse wie Du.

Ich möchte wirklich niemandem vorschreiben, wie er sich ernähren soll, und ich baue deshalb auch keine wirklichen negativen Energien gegenüber Menschen auf, aber für den Moment, kann ich dieses Gefühl einfach nicht unterdrücken. Und ich fühle mich schlecht deswegen, weil es gemein ist.

Und mir wird das mit Sicherheit auch niemand vorschreiben (außer meine Eltern lol). Also habe ich eigentlich kein Recht auf jemanden wütend zu sein. Und wenn man so gut wie immer den Drang hat sich zu übergeben, das Gefühl hat als hätte man gerade irgendetwas Unverdauliches gegessen, kann das ja auch nicht normal sein.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie langfristig außergewöhnlich zu- oder abgenommen. Auf mein Gewicht bin ich absolut nur durchs Wachsen gekommen, weshalb sich das auch jahrelang gehalten hat, nachdem ich aufgehört habe zu wachsen – 57 kg.

Das mag für eine Körpergröße von 1,76m vielleicht etwas wenig erscheinen und bedeutet laut dem BMI, glaub ich, auch fast schon Untergewicht, aber ich habe mich nie untergewichtig gefühlt. Oftmals wurde ich allerdings „dürr“ genannt, mir wurde gesagt an mir sei nix dran. Im Teenageralter wurde mir gesagt, dass ich ja größere Brüste hätte, wenn ich mal mehr essen würde (absoluter Bullshit, aber was weiß man da schon), und mein erster Freund ließ oft nicht auf seinem Schoß sitzen, weil mein Hintern so knochig sei. Manchmal lag es aber auch einfach daran, sorry für die offense, dass die Leute neidisch waren. Oft waren es aber auch wirkliche Komplimente.
Das ist halt leider auch eine Sache, die auf die Dauer schwierig wird. Ich tue nichts dafür. Es ist nicht so, dass meine Figur das Achievement harter Arbeit wäre, wofür ich Anerkennung verdient hätte.
Wenn ich daran denke, wie schwer es mir fällt, meinen Körper überhaupt am Laufen zu halten, fühlt es sich sehr komisch an, wenn ich Komplimente bekomme. Hinzu kommt, dass ich vielleicht schlanker bin als Du, aber trotzdem bin ich nicht zufrieden, auch nicht unbedingt mit meiner Ernährung. Trotzdem kämpfe ich. Und dass ich so gut wie immer das Gefühl habe, zu viel gegessen zu haben, macht auch nicht wirklich Spaß. Es kommt mir eben einfach so vor, als würde ich nur so aussehen, weil ich nicht gescheit essen kann, und nicht, weil es meine Entscheidung ist, und ich mag Zustände, die nicht meine Entscheidung sind, absolut nicht.

So viel dazu, das waren mal ein paar kleine Einblicke.
In den letzten Monaten gab es ein paar Ereignisse, die mich im Nachhinein echt beunruhigen und die mich dazu brachten, mit irgendjemandem darüber reden zu wollen. Das ist allerdings echt nicht einfach, weil ich die Grenzen zwischen was sollte ich fühlen und was fühle ich tatsächlich stark verschwimmen. Wenn ich mit jemandem rede, weiß ich nicht mehr, ob ich Dinge sage, weil ich sie meine, oder, weil der andere sie hören möchte. Und vieles kann ich mir selber nicht mal eingestehen, wie soll ich es da jemandem sagen.
Aber da schreiben, bisher immer ganz gut funktioniert hat, schauen wir mal, wie weit wir kommen und ob’s hinterher geholfen hat.

Ich bin kein Mensch, der sich ständig wiegt. Mein Gewicht hat sich seit Jahren sowieso nie wirklich verändert, also warum auch.
Vor einiger Zeit hab ich es getan, wohlgemerkt als mein Freund dabei war, und ich meinte danach „Ja, 57“, so nach dem Motto, alles wie immer, wobei das allerdings schon einen missbilligenden Unterton hatte, weil ich halt nun mal nicht zufrieden bin. Er meinte allerdings dann da hätte eine 53 gestanden und ich hab den Tag dann nicht mehr weiter drüber nachgedacht. Am nächsten ging es allerdings los.
Ihr müsst wissen, dass ich seit einiger Zeit Halluzinationen habe – bitte nicht weiter drüber nachdenken, das ist ein anderes Thema, worüber ich aber echt noch nicht schreiben kann – und das ist halt zu dem Zeitpunkt wesentlich schlimmer geworden, weshalb ich übelst am Zweifeln war, ob er nicht vielleicht Recht hatte und ich einfach nur eine größere Zahl gesehen habe, als da tatsächlich stand, weil ich mich halt an manchen Stellen einfach zu schwabbelig fühle. Dann kamen natürlich Gedanken, wenn ich wirklich auf einmal so krass abgenommen habe, ist das nicht eigentlich ein bisschen viel? Aber andererseits auch super toll? Aber was geht bitte ab, dass ich da halluziniere?
Als ich ein paar Tage später also wieder zu Hause war, habe ich mich nochmal gewogen – 60.

Mein Gewicht hat schon das eine oder andere Mal ein bisschen geschwankt, aber noch nie habe ich die 60 erreicht. Noch nie.

Ich habe mich an diesem Tag mindestens 5 mal gewogen.
Ich war verrückt.
Ich habe die Waage abfotografiert um sicherzustellen, dass ich nicht halluziniere.
Ich habe mich wieder beruhigt, aber wiege mich seitdem jeden zweiten Tag ca. und fühle mich offen gesagt schlecht, nachdem ich Süßes gegessen habe. Vor allem, weil ich so schwer was runterkriege, aber es bei Naschereien dann geht, weil das halt wenig ist und Glückshormone ausschüttet. Ich musste noch abnehmen und hatte von da an Angst, es nicht zu schaffen, wenn ich es mal will. Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Ich hatte das niemandem erzählt, bis letztens mein Freund hier war. Es war nicht sonderlich ernst, ich wollte kein Fass aufmachen und hatte bis dahin auch nicht realisiert wie verrückt das eigentlich klingt. Nur war es eben so, dass ihm das Lachen vergangen ist und er mich einfach nur in den Arm genommen hat – da habe ich gemerkt, es ist ernst. Und das war scheiße. Ich weiß jetzt auch, warum ich mit niemandem direkt über ein Problem reden kann, ich ertrage die besorgten Gesichter nicht.

Aber es ist wirklich nicht so schlimm. Und ich bin tatsächlich, wenn auch vorrangig wegen anderen Baustellen, seit einiger Zeit auf der Suche nach einem Therapieplatz. Ich habe mich dazu entschieden mir Hilfe zu suchen, auch wenn ich mich bisher nicht überwinden konnte irgendwo anzurufen.

Also, wenn irgendjemand sich Sorgen macht, bitte nicht, ich arbeite daran und das hier so zu teilen ist schon mal ein Schritt, sich vielleicht weniger abzugrenzen und sich überhaupt mal mehr mit der Besserung zu beschäftigen. Denn es geht anders. Das habe ich offen gesagt gemerkt, als ich Silvester mit einem meiner absoluten Lieblingsmenschen verbracht habe. An dieser Stelle, danke L. Ich war gesund und ich war glücklich.

Ich bin überzeugt, dass es viele Menschen mit ähnlichen Problem gibt, auch wenn ich noch nie so jemandem begegnet bin. Also seht das entweder als ein Sharing von Erfahrungen, die ihr nachempfinden könnt oder auch nicht, oder eben auf der anderen Seite auch als Aufruf, mal ein bisschen vorsichtiger zu sein, was das Beurteilen der Figur und des Essverhaltens anderer Menschen angeht.
Dass man Leuten nicht sagt, dass sie fett sind oder fressen wie ein Scheunendräscher, da weiß immer jeder, dass sich das nicht gehört. Aber in die andere Richtung gibt es offenbar keine Regeln – body shaming at its best.

Ich bin froh, wenn ich überhaupt esse, auch wenn ich manchmal einfach ganz aufhören will. Denn das bedeutet, dass ich überlebe.

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